Ökumenischer Pilgerweg / Elberadwanderweg

Den Ökumenischen Pilgerweg von Görlitz in Sachsen bis nach Vacha in Hessen gibt es erst seit Juli 2003. Esther Zeiher ergriff vor über 11 Jahren die Initiative für die Belebung dieses Weges. Dieser Weg führt entlang der Via Regia, einer alten Handels-, Heeres-, Pilger – und Poststraße. Zwei Karten sind zu diesem Weg herausgegeben worden (Teil 1: Görlitz-Leipzig, Teil 2: Leipzig-Vacha).  Im Pilgerführer „Der ökumenische Pilgerweg durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen“ schreibt Esther Zeiher: „Auf dem Ökumenischen Pilgerweg sollen zwischen dem Gehenden und dem, der am Weg lebt, Begegnung und Austausch in ursprünglicher Weise stattfinden. Dabei kommen alte Gesten der Menschlichkeit neu zur Geltung, sei es durch einige gewechselte Worte, das Hinüberreichen von frischem Wasser oder durch die Aufnahme für eine Nacht... Der Pilger erprobt bei seiner Reise das Leben. Im Loslösen, der eigenmächtigen Bewegung durch den Raum, dem Zugehen auf die Dinge, der Suche nach Heimat entwickelt er eine neue Sicht auf sich selbst.“

Seit dem 09.07.2016 bereichert eine Pilgerfigur unseren Pfarrhof. Geschaffen von dem Oschatzer Künstler Joachim Zehme soll sie - nicht nur Pilger - zum Verweilen und Nachdenken einladen. Am Sockel haben, in der Zeit seiner Entstehung, mehrere Pilger und Strehlaer ihre Gedanken, Wünsche und Ideen eingebracht.
(Mehr Bilder dazu in der Bildergalerie)
Nach der Einweihung der Pilgerskulptur am 09.07.2016 dem Pfarrhof, stellte uns
der Fotograf Frank Ullrich aus Strehla die Links für seine Bilder:
http://media-ullrich.de/event.html 
und den Film von der Entstehung des Sockels auf dem Pfarrhof: https://www.youtube.com/channel/UCNRhM0C0IJ2dBr_OHSAl15w 
und der Einweihungsfeier: https://www.youtube.com/watch?v=iCZFFzctOeo freundlicherweise zur Verfügung.

Die Pilgerherberge auf dem Strehlaer Pfarrhof

Am letztenSonntag schaute ich morgens gegen 8.30 Uhr in unsere Pilgerherberge. Doris, Hartmut und Andreas waren gerade dabei, den letzten Dreck aufzukehren, um daraufhin gleich aufzubrechen. Doris und Hartmut sind ein Ehepaar aus Heilbronn; sie haben ihren Weg in Görlitz begonnen und wollen in diesem Jahr bis Eisenach pilgern. Für diesen Weg haben sie drei Wochen eingeplant. Andreas kommt aus Bielefeld; sein Weg soll in diesem Jahr noch weiter gehen – über Marburg nach Köln.

Beim Verabschieden bedanken sich die drei für unsere wunderschöne Herberge und schwärmen vom herzlichen Empfang. „Es ist wie ein Nachhausekommen in dieser Herberge“, schreibt Hartmut ins Gästebuch. „Der freundliche, herzliche Empfang und die Ruhe hier. Dazu noch die Führung durch die Kirche. Es war schön hier.“

Unser Pilgerhaus will ein Ort des Friedens sein. Die Pilger sollen spüren können, dass sie willkommen sind. Gewiss: Pilger suchen zuallererst ein Dach über ihren Kopf. Wenn sie aber unter diesem Dach einer Seele begegnen (wenn auch nur für kurze Zeit), die Freundlichkeit und Wärme verströmt, dann erleben sie unser Pilgerhaus wie ein „Nachhausekommen“.

Dies zeigt beispielsweise folgender Eintrag in unserem Gästebuch: „Ich bin Gott dankbar, dass es Menschen um mich herum gibt, die sich in ihrer Freizeit dafür einsetzen, dass andere Menschen ein nächtliches Obdach finden. Liebe Frau Decker, ich danke Ihnen für´s Erzählen und Zuhören, für reichlich Speis und Trank und für Ihre Herzlichkeit.“

In vergangenen Jahren haben einige Personen mitgeholfen, dass unsere Pilgerherberge aufgeschlossen und gereinigt wird. Leider wird dieser Personenkreis immer kleiner. In diesem Jahr engagiert sich – neben den Mitarbeiterinnen von Pfarramt, Kirchenaufsicht und Friedhof – in großartiger Weise ehrenamtlich Frau Annegret Decker. Sie sagt: „Und wenn Sie mich fragen, warum ich es in diesem Jahr tue – die Tür öffnen –, dann sage ich: Nun, die Aufforderung lautet: ´Stiften Sie etwas!´ Ich stifte eben Zeit...  Schön wäre es, in dieser Weise noch Helfer zu finden in der Nachbarschaft.“

Strehla hat mehrere Herbergen. Jeder Pilger kann sich sein eigenes Ambiente suchen. Die einen fühlen sich im Einzelzimmer wohl, die anderen wollen Bettwäsche und Frühstück, und wieder andere sind zufrieden mit unserem Mehrpersonenzimmer in unserer Pilgerherberge und rollen Isomatte und Schlafsack aus. Ein herzlicher Empfang beginnt oft schon an der Fähre in Lorenzkirch, wenn der Fährmann die Gäste sprichwörtlich aufnimmt. Viele Strehlaer helfen, eine Unterkunft zu finden, eine Apotheke, ein Gasthaus oder einen Laden, in welchem man auch nur 4 Kartoffeln kaufen kann und dann noch einen sächsischen Apfel geschenkt bekommt.

Frau Decker erzählt mir, dass jeder Pilger das sucht, was er braucht: der eine Ruhe, der andere Begegnung; manch einer möchte schweigen, manch einer sein Herz ausschütten. Pilgern ist nicht wandern. Neben dem Gepäck (laut Pilgerführer 20 kg max.) werden Lebensgeschichten oder Leere mit sich herumgetragen. Ziel ist oft – abzulegen oder zu füllen.

Warum pilgern Sie, frage ich die drei beim Abschied. Hartmut antwortet: „Wir pilgern, um den Alltag einmal hinter uns zu lassen, um fremde Gegenden kennen zu lernen und um zu üben, mit wenigem auszukommen.“ Andreas fügt hinzu: „Ja, die Prioritäten verändern sich auf einem solchen Weg.“

Nach der Verabschiedung lese ich noch ein wenig im Gästebuch. Ein Pilger schreibt: „Ich pilgere, weil ich meinen Kopf leer kriegen möchte und mich selber finden und mich besser erkennen will.“

Dies wünsche ich mir auch für meinen Urlaub fern der via regia. Vielleicht kann ich meine Urlaubswege so gehen, dass ich als Wanderer losgehe und als Pilger heimkomme.

Dieter Kröhnert, Pfarrer in Riesa und Strehla                                                          Strehla, Mitte Juli 2014