Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

Erntedankfest, 23.09.2018 - Abgedankt!? - 1.Thimoteus 4,4-5  
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde, als Mahatma Gandhi zum ersten Mal Südafrika besuchte, ging er in ein Restaurant und bestellte ein Mittagessen. Beim Bezahlen der Rechnung sagte er zum Kellner: „Ich danke Ihnen für Ihre freundlichen Bedienung.“ „Sir“, antwortete der Kellner ganz überwältigt, „ich werden Sie nie vergessen. In meinen 25 Dienstjahren habe ich noch nie ein Dankeswort gehört.“
DANKE – das sind fünf Buchstaben. Aber wie schwer hat es dieses Wort, sich in unserem Herzen Raum zu verschaffen. Wie schwer findet es oft den Weg über die Lippen hin zum Ohr des Menschen, mit dem ich zu tun habe. Und wenn, dann sage ich es oft ganz kurz: Danke. Ohne direkten Blickkontakt, ohne Emotion, ohne freundliche Züge im Gesicht. Eben gerade wie eine Pflicht, die man so erfüllt. Auch da gibt es viel mehr Möglichkeiten. Probieren wir es mal und sagen „Danke“ zum Nachbarn: 1. formell, 2. mit Herz!   
Was kann dieses Wörtchen DANKE – freundlich gesagt – bewirken! Der Kellner in jenem Restaurant wird es wie einen Schatz bewahrt und sich in dunklen Stunden daran aufgerichtet haben: Da war einer, dem meine Arbeit etwas bedeutete. Im Erntedank-Gottesdienst sind wir eingeladen, über das Danken nachzu-denken. Wir hören Worte aus dem 1. Timotheusbrief, Kapitel vier: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet. 1. Tim 4,4-5

…alles, was Gott geschaffen hat, ist gut…
Einspruch! Mir ist nicht nach Danksagung. Ich habe Sorge. Das Wetter macht mich alle. So schön ein warmer Sommer sein mag: Dauernde Hitze und Trockenheit machen mir zu schaffen! Seit April so gut wie kein Regen! Es gibt kaum noch Futter für die Tiere, der Mais wie Stroh, die Wiesen braun, Bäume vertrocknen, Gebäude nehmen Schaden, ganz zu schweigen von den Orgeln in den Kirchen! Vegetation, Tiere, Menschen – alle leiden, Bauern und Landwirte wissen nicht, wie es weitergeht!
Das macht mir Angst. Mir ist nicht nach Danksagung!
Dank, Erntedank hat abgedankt, dieses Jahr jedenfalls!
Liebe Gemeinde, das alles sage ich nicht einfach so dahin, sondern spiegelt viele sorgenvolle Gespräche, die ich gehört oder geführt habe und gebe zu: So richtig konnte ich mich dieses Jahr nicht wie andere Jahre auf Erntedank freuen. Wie gern singe ich doch sonst: Wir pflügen und wir streuen… Wachstum und Gedeihen kommt aus des Himmels Hand. – Und wieder sind vorgestern die Wolken über uns dahingezogen, blieb der Regen aus. Kein Wachstum, kein Gedeihen. Abgedankt? Steht jetzt auch der Glaube an den Schöpfer und Erhalter auf der Liste der aussterbenden Dinge? Hat der, der den Regenbogen in die Wolken setzte und versprach, dass nicht aufhören soll Frost und Hitze, Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht – hat der jetzt abgedankt? Sind wir dabei, Gott wegzuschicken, wie die Deutschen 1918 ihren Kaiser, der auch abdanken musste?
Ich komme mit solchem zweifelnden Fragen in meinem Herzen nicht weiter. Ich versuche es anders und frage: Wie oft habe ich, haben wir denn in diesem Sommer um Regen gebetet? Wirklich: gebetet? Kommt nicht vor dem Dank die Bitte?
Das fiel mir jetzt wieder auf: Im Buch gottesdienstlicher Lesungen, dem Lektionar, stehen zuerst Bibeltexte für Bitt-Tage!
Da sind: Bitte um Erneuerung und Einheit der Kirche, für die Ausbreitung des Evangeliums, für gesegnete Arbeit, tägliches Brot, verantwortlichen Umgang mit Natur und Technik, für Gerechtigkeit, Verfolgte, Frieden und auch für Urlaub und Freizeit. – Erst danach folgt Ernte-Dank! Lernen das nicht unsere Enkel gerade in dieser Reihenfolge: Bitte > Danke!
Paulus spricht in seinem Brief eine ganz spezielle Frage an, die damals eine Rolle spielte: Welche Speise man als Gläubiger essen oder meiden sollte und kommt zu dem Ergebnis: Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird.
Das ist heute nicht wirklich unser Thema, wenngleich die Frage nach veganer oder vegetarischer Ernährung, nach bio… schon viele umtreibt.
Was mich heute mehr umtreibt ist die Frage überhaupt nach Bitte und Danke im Blick auf die Ernte. Ein Kollege erzählte von einem sächsischen Gesangbuch von 1900, in dem mindestens 10 Lieder mit Bitte um Regen zu finden waren. – Nochmal: Haben wir genug um Regen gebetet?
Ist gutes Wetter und reiche Ernte nicht zu selbstverständlich geworden?
Hilft es zu wissen, dass auch 2003 große Trockenheit herrschte und 1947 die Hungersteine in der Elbe auch schon zu sehen waren? Immer wieder meldet sich in mir beim Nachdenken das schöne Wort „Danksagung“. Paulus spricht von allem, was mit Danksagung empfangen wird.
Und da werde ich dann auch fündig: Trotz Trockenheit und Dürre ist manches gewachsen. Zwischen Riesa und Forberge ist die Straße dunkel gefärbt – von Unmengen herabgefallener und zerfahrener Birnen.
Was hingen und hängen die Bäume dieses Jahr voller Obst! Auf dem Weg nach Liebschützberg bieten Birnbäume Zentner schmackhafter Birnen an – wie diese gute Luise! Kaum einer nimmt von diesem Reichtum Notiz. Eher schon, wenn Freitag im Supermarkt der Lieblingsjoghurt aus ist…
Und wenn ich hier in den Altarraum sehe: Wirklich Hunger leiden wir nicht.
Dankbar können wir erleben, dass die Regale voll sind, Handel und Ausgleich funktionieren, Lebensmittel innereuropäisch ohne Zoll und Beschwernisse von Land zu Land gehen! Dass es nicht überall in der Welt so ist, kann kein Grund für Nicht-Dankbarkeit sein.
Da ist noch etwas, wofür wir im Grunde auch dankbar sein sollten:
Für eine wichtige Erfahrung, die wir in diesem Sommer gemacht haben – wir haben den Wert von Wasser, von Regen und Feuchtigkeit neu schätzen gelernt. Vielleicht leuchtet so auch die Jahreslosung neu auf mit der Gottesverheißung: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. – Auf jeden Fall können wir jetzt eher auch ahnen, unter welchen Bedingungen Menschen im Süden, in Afrika, in Nah Ost und in Wüstengegenden leben müssen, warum sie sich auf den Weg machen in Länder mit Talsperren, Flüssen und Obstbäumen an den Straßen. Danksagung für Wasser – lernen wir das gerade neu so wie die Bitte um gutes Wetter und Segen für die Ernte?
Wir sind ins Nachdenken gekommen. – Aber diese gute Luise sagt mir: Da ist noch viel Leben und Gotteskraft in der Schöpfung. Ich muss es sehen und will es würdigen und das, was da ist, mit Ehrfurcht und Danksagung empfangen. / Ich will das „Bitte sagen“ neu lernen und wo es geht auch helfen, die Schöpfung zu bewahren. / Für mich jedenfalls hat unser Gott, unser Gottesglaube, unser Himmelsvertrauen, unsere Klima- und Zukunftshoffnung noch nicht abgedankt!
Zum Schluss: Es ist mir ein guter Gedanke, dass Menschen in aller Welt noch immer Gott vertrauen und ihm Danken in den Sprachen dieser Welt: Thank you, Tesekkür ederim, Gracies, Obrigada, Tack, Köszönöm, Dziekuje, Dankewol. Danke! Danke, Gott, in Wort und Gebet! Amen.

Der große und unfassbare Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herren. Amen.