Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

Sonntag Invocavit 2018 -  „Glaubensfest IN der Gegenwart"  -  2. Kor. 6,1-10 
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
sind Sie „In“? – Sind Sie auf der Höhe der Zeit und auf dem Laufenden?
18mal hören wir im Predigtwort dieses griechische Wörtchen „en“, das Martin Luther mit „in“ übersetzt.
Sind wir „in“, haben wir Bodenhaftung und festen Kontakt mit der Welt?
Ich denke schon. Mühelos könnten wir jetzt Nachrichten der vergangenen Woche zusammentragen. Manches davon perlt nicht einfach ab, geht rein, macht etwas mit unserer inneren Verfassung, geht an die Nieren oder berührt die Seele. Wieder starben Schüler und Lehrer, weil Waffen zu den Alltagsgegenständen gehören. Wieder und wieder dunkle Nachrichten nicht nur aus Syrien. Dazu aus unserer Region Meldungen von Bränden, Einbrüchen, Wölfen, schmutziger Luft. Und dann noch das Berliner Regierungsdrama…
Ja, wir sind in-formiert und stehen in der Welt, die unseren Alltag, unsere Herzen und Seelen so oder so berührt, wir schweben nicht auf „Wolke 7“.
Genauso wenig wie Paulus zu seiner Zeit: Er kämpfte für den Glauben an Jesus Christus – auch in Korinth, wo es einen heftigen Glaubensstreit gab. In seinem Brief an die Gemeinde dort verteidigt er sich und seine Arbeit und macht klar, was das Entscheidende ist und bleibt: Der Glaube, dass Gott in Christus war und so die Welt mit sich versöhnte. Das steht ein paar Zeilen zuvor. Das sollten wir ‚in-tus haben, um Paulus zu verstehen.
Gott hat das Wort von der Versöhnung aufgerichtet. Der Tag des Heils ist darum nicht irgendwann einmal, sondern heute und jetzt. In der Gegenwart dürfen wir schon Stärkung unseres Glaubens und Stärkung durch den Glauben erleben.
Paulus wusste, wovon er redete, er war „in“ der Realität. Seine Realität erlebte er in Trübsal, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, in Wachen und Fasten. Das waren seine Lebens- und Arbeitsumstände. Das waren seine ständigen Begleiter bei seinem Verkündigungsdienst. All dem ist er nicht ausgewichen, sondern hat dar“in“ seinen Auftrag als Apostel erfüllt. Selbst im Gefängnis predigte er noch. Fast ein wenig stolz kann er sagen: In allem erweisen wir uns als Diener Gottes.
Und er beschreibt, wie er mit dem allen fertig geworden ist. Seine Hilfe in den bedrängenden Stunden kommt von „oben“ – aus Gottes Hand:
Im heiligen Geist, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes. Durch Gottes Hilfe konnte Paulus seinen Dienst tun in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit. Seine Art zu Leben und zu Glauben hat wohl bald vielen Menschen und Zeitgenossen viel Respekt abgenötigt. Nicht ohne Grund sind später die
Briefe des Paulus ins Neue Testament aufgenommen worden. Sein abgrundtiefes Vertrauen in Gott hat ihn zum Vorbild des Glaubens werden lassen – so weit, dass unglaublich viele Kirchen nach ihm benannt
worden sind – oft zusammen mit St. Peter.
Es bleiben dennoch Jahrhunderte zwischen Paulus und uns. Mir hilft es manchmal, in die jüngere Glaubensgeschichte zu sehen: Wo haben auch später Menschen ihren Glauben durchgehalten und gelebt?
Natürlich denken wir gleich auch an Martin Luther, nicht nur, weil er heute seinen Todestag hat. Er mag wohl situiert gewesen sein, wohlhabend und angesehen, berühmt. Aber neben dieser Sonnenseite gab es auch dunkle Seiten in seinem Leben: Die schweren Glaubensauseinandersetzungen mit Kaiser und römischer Kirche; Gewalt in den Bauernaufständen; die schwere Aufgabe, Ordnung in den Aufruhr zu bringen; bissige Satire auf ihn und seine Frau Katharina; Enttäuschungen ergebnisloser Verhandlungen mit den Päpstlichen. Er hat auch viel Schweres und Böses erleben müssen. Nicht umsonst stammt aus seiner Feder das für heute auch vorgeschlagene Lied
der festen Burg mit der Zeile: „Und wenn die Welt voll Teufel wär…“ In manchem hat Luther ganz ähnliche Erfahrungen wie Paulus machen müssen. Am Ende seines Lebens dann die Einsicht: „Wir sind Bettler, das
ist wahr.“ – Paulus schreibt: „als die nichts haben…und doch alles haben“.
Gnädige Glaubenserfahrungen in der Gegenwart eines Lebens.
Ich blättere im meinem Kalender und finde bekannte und unbekannte Namen von Gläubigen, die in der
Kraft aus der Höhe Schweres auf sich nehmen und aushalten konnten.
Am 19.2.1545 ist Todestag von Peter Brullius. Als Dominikaner stellte er sich auf die Seite
der Reformation, wurde Gefährte von Johannes Calvin. Von Straßburg ging er nach Flandern, um den
dort leidenden Reformierten beizustehen. Man suchte ihn, schloss die Stadttore und nahm in fest, als die Gläubigen ihn in einem Korb über die Stadtmauer lassen wollten. Er bezahlte mit dem Leben.
Am 20.2.1937 starb der evangelische Christ Friedrich Weißler in Sachsenhausen. Er war jüdischer Abstammung
und engagierte sich stark in der Bekennenden Kirche. Kurz vor seinem Tod findet er folgende Worte:
FÜRCHTE dich nicht, glaube nur, spricht der Heiland zu den Seinen.
Wenn der irdischen Natur keine Hoffnung mehr will scheinen,
dann ist Gott wahrhaftig nah und mit seiner Hilfe da. Am 22.2.1943 sterben Hans und Sophie Scholl.
Schön, dass in Riesa Merzdorf eine – wenn auch kurze Straße an diese beiden jungen Christen erinnert, die
auch aus der Kraft des Glaubens heraus dem Bösen widerstehen konnten.
Am 4. März 1948 starb Elsa Brändström, Tochter eines schwedischen Gesandten. Sie kümmerte sich beeindruckend um die gefangenen Soldaten in Sibirien, was ihr den Namen „Engel von Sibirien“ einbrachte. In Mittweida kaufte sie ein Schloss, in dem sie über 3000 Kriegs-Waisenkinder aufnahm. Wie Paulus
bewies sie Geduld und Mut, erfuhr Stärkung des Glaubens in noch so schweren Situationen. Wie Paulus erfuhr sie die Verheißung aus Jesaja:
»Ich habe dich zur Zeit der Gnade erhört und habe dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe, jetzt ist der Tag des Heils!
Und schließlich gedenken wir am 6. März des evangelischen Theologen Martin Niemöller. Auch er nahm wie Paulus um des Glaubens willen Mühsal und Bedrängnisse auf sich und stand von Anfang an auf der Seite des Widerstandes gegen die Nazis. Der von ihm gegründete Pfarrernotbund bereitete den Weg zur
Gründung der Bekennenden Kirche. Gewiss kannte er als der persönliche Gefangene des Ver-Führers die Worte des Paulus:
In allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen, im Wachen, im Fasten, in Lauterkeit, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, im heiligen Geist, in ungefärbter Liebe, in dem Wort der Wahrheit, in der Kraft Gottes, mit den Waffen der Gerechtigkeit zur Rechten und zur Linken, in Ehre und Schande; in bösen Gerüchten und guten Gerüchten, als Verführer und doch wahrhaftig; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich...
Nicht irgendwann und in ferner Zukunft, sondern in der Gegenwart will Gott UNS in Christus begegnen und zum Leben helfen. Für den einen ist es die Gegenwart der Krankheit, für den anderen das Bangen um Asyl in Deutschland, für den einen der Verlust der Arbeit, für den andern Uneinigkeit und Streit in der Familie
oder Sorgen ums Geld oder gar der Verlust eines lieben Menschen.
Als die Traurigen können wir – so paradox das klingen mag – fröhlich sein, weil Gott schon das Netz gespannt hat und wir nicht tiefer als in seine Hand fallen können. Jesus ist der Beweis, ist das Wort von der Versöhnung für alle noch so bitteren Unversöhntheiten unseres Lebens.
Damit lässt sich leben und glauben in meiner, in unserer Gegenwart. Amen.

FÜRCHTE dich nicht, glaube nur,
spricht der Heiland zu den Seinen.
Wenn der irdischen Natur
keine Hoffnung mehr will scheinen,
dann ist Gott wahrhaftig nah
und mit seiner Hilfe da.

DICH und alle, die ihm trau'n,
liebt er ja als seine Kinder.
Kann dem Kind vorm Vater grau'n?
Dein Leid ist sein Leid nicht minder.
Drum sei froh und unverzagt:
Gott wird wenden, was dich plagt.

NICHT, wo wir die Hilfe sehn,
pflegt zwar Gottes Fuß zu schreiten.
Er kann tausend Wege gehn,
die wir ahnen nicht von weitem.
Seine Weisheit weiß allein
Zeit und Rat, uns zu erfreun.
GLAUBE, dass Gott helfen will.

So wirst du bald spüren müssen,
wie dir seiner Gabe Füll'
täglich will das Leid versüßen.
Du lobsingst voll Dank und Freud
Täglich seiner Freundlichkeit.

NUR dem Vater gilt es traun,
stille halten seinem Willen.
Er wird Zeit und Weg erschaun,
dein Verlangen zu erfüllen.
Mach den eig'nen Willen still.
Gott führt selber dich ans Ziel!
Friedrich Weißler 1891-1937

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.