Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

9. Sonntag nach Trinitatis, 18.08.2019 - "Der Hauptgewinn" - 
Philipper 3, 7-11                                                         
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen 

Liebe Gemeinde!
In einer Fernsehsendung werden Sie gebeten, an einer kostenlosen Telefonumfrage teilzunehmen. Sie sollen angeben, worauf Sie besonders stolz sind, wo Sie ihr ganzes Herzblut hinein gegeben haben, was Sie mit Zähnen und Klauen verteidigen würden, weil für Sie alles dranhängt. Dann kommt die Aufforderung:
Wählen Sie die 1 für Ihr Haus. Die 2 für Ihren Kontostand. Die 3 für Ihre Karriere. Die 4 für Ihren Garten. Die 5 für Ihr Auto. Die 6 für Ihre Familie. Die 7 für Ihren guten Ruf. Die 8 für Ihre Gesundheit. Die 9 für Ihre Altersvorsorge. Die 10 für Ihre schönen Urlaube. Die einzige und wichtigste Bedingung, wenn Sie wählen: Seien Sie ganz und gar ehrlich. Wählen Sie bitte jetzt! – Während die Ergebnisse in einer bunten Leiste am Bildschirmrand durchlaufen, spüren Sie, dass dies alles mehr ist als ein Spiel. Da stellt jemand die Frage nach dem Wert und Sinn des Lebens. Und das ist eine ziemlich schwierige Frage.
Diese Frage ist mir sehr eigenartig begegnet in einer Weiterbildung in Jena für die Notfallseelsorge. Wir Teilnehmer sollten für uns selbst einen Grabstein entwerfen. Das war kein Spaß. Da stellte sich beim Nachdenken über den eigenen Tod sehr konkret die Frage nach dem Wichtigsten, dem größten Wert, dem Sinn des eigenen Lebens.

Als Paulus wieder einmal im Gefängnis saß, musste er auch über diese Frage nachdenken und notierte seine Gedanken in einen Brief an die Gemeinde in Philippi. Wir hören noch einmal die Verse aus dem 3. Kapitel des Philipperbriefes nach der Übersetzung Hoffnung für alle:

Seit ich Christus kenne, ist für mich alles ein Verlust, was ich früher als großen Gewinn betrachtet habe. Denn das ist mir klar geworden: Gegenüber dem unvergleichlichen Gewinn, dass Jesus Christus mein Herr ist, hat alles andere seinen Wert verloren. Ja, alles andere ist für mich nur noch Dreck, wenn ich bloß Christus habe. Zu ihm will ich gehören. Durch meine Leistung kann ich vor Gott nicht bestehen, selbst wenn ich das Gesetz genau befolge. Was Gott für mich getan hat, das zählt. Darauf will ich vertrauen. Um ihn allein geht es mir. Ihn will ich immer besser kennen lernen und die Kraft seiner Auferstehung erfahren, damit ich auch sein Leiden mit ihm teilen und seinen Tod mit ihm sterben kann. Dann werde ich auch mit allen, die an Christus glauben, von den Toten auferstehen.
Der Herr segne an uns sein Wort! Amen.

Liebe Gemeinde, so deutlich hatte es der Paulus vorher noch nicht gesagt. Wie kann er nur sein früheres Leben so herunterreden? Es konnte sich doch sehen lassen: Er war ein angesehener Jude und Pharisäer, gehörte zur intellektuellen Führungsschicht! Er war sehr gläubig, lebte aus den Schriften, hielt das Gesetz Gottes in Ehren. –
Ja, wir wissen von der dramatischen Wende in seinem Leben damals vor Damaskus – rechts am Kanzelkorb der Strehlaer Kanzel bewegend dargestellt.
Und da erstaunt schon die Klarheit und Eindeutigkeit, mit der er seine früheren Lebenswerte auf den Kopf stellt: Gegenüber dem unvergleichlichen Gewinn, dass Jesus Christus mein Herr ist, hat alles andere seinen Wert verloren... Was Gott für mich getan hat, das zählt. Und er fügt hinzu: Alles andere ist Dreck (gr.: skyballe) – Luther hätte dies auch noch genauer übersetzen können mit: Hundekacke.
Das ist schon hart. Aber diese Worte verraten, wie tief Paulus von Christus ergriffen ist, dessen Anhänger er in seinem früheren Leben ergriffen und verhaftet hatte. Christus ist nun des Paulus großes neues Leben, die Befreiung von religiösem Leistungsdruck.
Christi Leben, Sterben, Auferstehen zählt. Daran können die, die ihn immer wieder ins Gefängnis stecken, nichts ändern. Im Gegenteil. Die Gewissheit der Nähe des Auferstandenen schenkt dem kranken Paulus unsagbar viel Kraft, so dass er Christen mit seinen Briefen aufbauen und ermutigen kann. Und es scheint ihn auch keine Sekunde lang zu grämen, dass er sein gut bürgerliches Leben, seine Sicherheiten, sein früheres Ansehen verloren hat. PAULUS eben... Vor einiger Zeit sahen wir den Film „Von der unsagbaren Leichtigkeit des Seins.“ Er spielt 1968 in der damaligen Tschechoslowakei. Hauptdarsteller ist Tomáš, ein attraktiver junger Arzt, geachteter Spezialist für Hirnchirurgie und Frauenheld nebenbei. Politisch ist er wenig interessiert, verfasst aber dann doch mal einen Zeitungsartikel gegen das verlogene kommunistische System von Russlands Gnaden. Wenig später überrollen sowjetische Panzer den Prager Frühling und mit ihm viele Hoffnungen. Tomáš hatte sich inzwischen verliebt in Teresa, eine einfache, ehrliche junge Frau vom Dorf. Sie bekam große Schwierigkeiten durch ihre Fotos vom Prager Aufstand. Vom Exil zurückgekehrt darf der junge Arzt nicht mehr als solcher arbeiten, auch eine eigene Praxis wird ihm schließlich verboten – weil er seinen Artikel nicht widerrufen wollte. Und so wurde er Fensterputzer. – Die Liebe zu seiner Frau, aber auch sein Gewissen, waren plötzlich größere Werte als der Traumjob mit Ansehen, Geld, guten Autos. Auch Tomáš hätte sagen können: Was mir früher Gewinn war, ist jetzt für mich nur noch Schaden.
Diese Filmgeschichte hat mich sehr beeindruckt und an mutige Menschen erinnert, die bereit waren, ihr Leben zu ändern, Menschen, die um einer Sache willen viel aufgegeben haben.

Vielleicht berührt es Sie eigenartig, wenn ich es erwähne, ich will es doch tun, weil Denkmäler von ihm auch in unserem Lande stehen: Heute vor 75 Jahren, am 18.8.1944 wurde Ernst Thälmann in Buchenwald hingerichtet. Mag man seine politische Lebenslinie so oder so beurteilen: Es war ein Mensch, der für eine Idee gekämpft und damit sein Leben in die Waagschale geworfen hat, letztlich mit Paulus Gefängniserfahrungen teilte.
Was zählt in meinem Leben? Was wäre mir eine wirkliche Entbehrung wert? Welche Nummer würde ich wählen bei der Telefonumfrage? – Garten, Familie, Gesundheit, Altersvorsorge oder schöne Reisen? Oder würde ich gar keine der angegebenen Nummern wählen, weil eine entscheidende fehlt: Der Wert meiner Taufe und meines Glauben, aus dem ich jeden Tag leben und Vergebung empfangen kann?!
Freund Paulus ermutigt mich, diesen Wert als Hauptgewinn zu sehen.
Was Gott für mich getan hat, das zählt!
So muss ich vor Gott nicht mehr leisten, als ich kann, muss ich nicht zeigen, wie gut ich bin, muss ich kein Bewerbungslächeln aufsetzen oder teure Markensachen tragen. „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehen, wenn ich zum Himmel werd eingehen.“ heißt es in einer Gesangbuchstrophe von 1638 (EG 350,1). Mit Christus ist genug getan für meine „Rechtfertigung“.
Ich weiß, dass das noch nicht denen hilft, die mit ihrem Geld nicht auskommen, die Arbeit oder Asyl suchen.
Und das nimmt uns auch nicht den Leistungsdruck, der uns überall umgibt und scheinbar immer stärker wird.
Wo gibt es noch druckfreie, leistungsfreie Zonen? Wir können antworten: Im christlichen Glauben, der sich auf Paulus und Luther berufen kann. Was Gott für uns getan hat, das zählt.

Wer das für sich in Anspruch nimmt, wird die Werte seines Lebens neu ordnen, wird Druckentlastung erfahren.
Im tiefsten Grund, vor dem Höchsten zählt die Leistung eines anderen. In diesem Glauben kann ich heute schon die Kraft der Auferstehung erleben – wie Paulus damals im Gefängnis. Der Kreis schließt sich: Aus dieser befreienden Erfahrung heraus bin ich dann umso lieber bereit, die mir geschenkten Gaben einzusetzen – konsequent und mit ganzer Kraft. Nicht, um krampfhaft bei Gott Eindruck zu schinden, sondern aus Dankbarkeit und zu seiner Ehre. Möge uns viel davon gelingen.
 
Und der Friede Gottes, der höher ist, als wir verstehen und begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn.
Amen.