Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

Sonntag Reminiscere, 17.3.2019 - "Blick zum Erhöhten" - 
Johannes 3, 14-21  
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

Liebe Gemeinde,
wir stehen in der Passionszeit. Das Kreuz rückt in den Mittelpunkt. Manchen ist es ein Ärgernis: Sie wollen es aus Amtsstuben und Schulzimmern verbannen und Kinder vor dem Anblick des Leidenden bewahren. Andere stellen es als Gipfelkreuze oder an Straßen auf, um Zeugnis ihres Glaubens zu geben. Der Anblick des Kreuzes gibt ihnen Trost und Kraft. Wer hat nun Recht?
In der Nacht, so hörten wir im Evangelium des heutigen Sonntags, kommt Nikodemus zu Jesus. Er ist Pharisäer und hat vermutlich Sorge, dass er gesehen wird mit diesem Jesus, dem inzwischen so viele nachliefen. Jesus lässt sich zu nächtlicher Stunde auf ein Glaubensgespräch ein. Von einem Kreuz ist dabei noch nicht ausdrücklich die Rede – aber von einer ähnlichen Geschichte beim Zug der Israeliten in das gelobte Land:
Das unzufriedene Volk wird von giftigen Schlangen heimgesucht. Ihre Bisse sind tödlich. Mose soll helfen – er betet zu Gott und bekommt Hilfe: Er soll eine eherne Schlange an einer Stange aufrichten. Wer zu ihr aufsieht, wird am Leben bleiben. – Nikodemus als frommer Pharisäer kennt diese Geschichte. Von ihr schlägt Jesus nun eine Brücke zu sich selbst und dem, was ihn erwartet: Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden.
Jesus ahnt wohl schon bald, dass seine Mission eine sehr schwere und an einem Kreuz enden wird. – Der Mann am Kreuz wurde später für die Christenheit das zentrale Bild und Symbol, das in jeder Kirche zu finden ist. In großen Kirchen und Domen steht das Kruzifix oft auf dem Lettner – z.B. im Meißner Dom – oder es hängt weit oben zwischen Kirchenschiff und Altarraum. Wer das Bad Doberaner Münster betritt, kann gar nicht anders, als den Blick zu heben und den Heiland anzuschauen - so, wie die Israeliten zur ehernen, also eisernen Schlange aufsehen mussten und erst dann und in diesem Aufblick Rettung erfuhren.
Nikodemus mag schon manches von diesem Jesus gehört haben, aber was dieser Rabbi jetzt von sich selbst sagt, wird ihm unglaublich scheinen:
So muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Können wir das glauben? Spielt es in unserer Frömmigkeit eine Rolle, dass Jesus unschuldig am Kreuz starb und mehr noch: Dass sein Sterben ein Opfer war für die Menschheit?
So lasst euch versöhnen mit Gott, so ermahnt Paulus später die Christen in
Korinth 2.Kor 5,20.
Der Blick zum Kreuz lädt uns immer neu ein, nicht nur das Geheimnis der Weihnacht,
sondern auch das Geheimnis des Kreuzes für uns zu meditieren und uns ihm mit dem Herzen zu öffnen. Mit dem Verstand allein kommt man nicht weit. Eher vielleicht auch durch Lieder wie „Christi Kreuz vor Augen“, in dem es heißt: Christi Kreuz vor Augen steh ich, ungeschminkt. Stelle mich in Frage, weiß, wo ich versage, spüre Tränen,
Schmerz und Schweiß. Kyrieleis.
(Eugen Eckert 2006)
Jesus mutet seinem Gesprächspartner einiges zu und will ihm deutlich machen: Mein Sterben wird etwas mit Gottes Liebe zu tun haben. Es wird für die Menschheit geschehen, für Menschen in all ihrer Fehlbarkeit und dem immer neuen Schuldigwerden.
Es wird ein Opfer aus Liebe sein und den Weg zum ewigen Leben ebnen.

Nur: Davon wollen viele nichts mehr hören. Jesus, Religion, Kirche? Wozu? In den Worten Jesu hören wir die Erfahrung der früheren Christenheit heraus, dass sich auch schon am Anfang bei weitem nicht alle Menschen auf diesen Glauben an Jesus Christus einlassen wollten oder konnten: Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
An Jesus, am Kreuz Jesu scheiden sich die Geister. Und eindeutig und schwer steht im Raum: Der Glaube an Christus ist entscheidend. 

Aber damit ist Jesus mit seiner ‚Christenlehrestunde‘ für Nikodemus noch nicht am Ende. Er setzt noch eins drauf und bezeichnet sich als „das Licht in die Welt gekommen“ und spricht von den Menschen, die das Licht scheuen und die Finsternis lieben.
Nun - ich liebe Dunkelheit. Gern fahre ich nachts, wenn die Autobahnen frei sind. Ich liebe die Dunkelheit unserer ländlichen Gegend, in der der Sternenhimmel viel schöner zu sehen ist als in großen Städten. – Aber natürlich meint Jesus etwas anderes und spricht von Dunkelheit als dem Ort und dem Raum des Bösen, der Gottesferne, der Ablehnung des Christus.
Immer mal wieder hört man in den Nachrichten von einem sogenannten Darknet, einem dunklen Netz – im Gegensatz zum öffentlichen Internet(z). Wer sich im Darknet bewegt, scheut das Licht der Öffentlichkeit, weil er Verbotenes und Kriminelles tut, Bilder, Waffen und vieles andere anbietet und verbreitet. Anbieter und Nutzer des dunklen Netzes  wollen Böses verbergen. Ich finde es ermutigend, dass Ermittler hin und wieder Licht ins Dunkel bringen können – aber auch erschreckend, was dann zutage kommt.

Jeder muss sich selbst fragen: welche dunklen Ecken gibt es in meinem Leben, wo möchte ich nicht, dass Licht darauf fällt, was wäre mir unangenehm oder peinlich oder karriereschädigend?
Zuweilen gibt es Selbstanzeigen von Doping- oder Steuersündern. Sie bitten darum, dass andere Licht machen, um so aus dem Bannraum der Dunkelheit herauszukommen. Ein schwerer Weg, aber ein verheißungsvoller.

Jesus lädt ein zu einem Leben im Licht, einem Leben, das kein Darknet braucht und das Licht nicht scheuen muss. Das ist die Antwort auf die vorangegangene Liebe Gottes – dass wir das Licht nicht ausmachen, sondern versuchen, im Licht zu leben. Ewiges Leben ist denen verheißen, die an Christus glauben. Das Kreuz ist DAS Symbol dafür, dass der Weg frei ist für ein Bleiben in Gottes Nähe – so möchte ich das mal übertragen.

Es ist wichtig für uns, immer wieder zu dem Kreuz aufzublicken – so, wie einst die Israeliten zur ehernen Schlange aufblicken mussten, um am Leben zu bleiben. Im Blick zum Kreuz können wir immun werden gegen all das, was Leben zerstört. Vielleicht kann man es so sagen. Und von daher folge ich gern der Empfehlung Luthers, früh den Tag mit einem Kreuzzeichen zu beginnen und so den Tag unter Seinen Segen zu stellen – genauso am Abend vor dem Schlafengehen: Ich will mich in Gottes Schutz bergen. Wäre es nicht auch ein gutes Zeichen, wenn jeder Christ ein Kreuz in seinem Haus, seiner Wohnung hängen hätte?
E. Eckert dichtete weiter in seinem Lied: Christi Kreuz vor Augen steh ich überrascht.
Licht blüht auf und Leben, Schuld ist längst vergeben: Gottes Kleid birgt mich schneeweiß – Kyrieeleis
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Amen.

Der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herren. Amen.