Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

Pfingsten, 09.06.2019 
- "Schmückt das Fest mit Maien" - Psalm 118, EG 135 
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen 

Liebe Gemeinde,
was macht ein Fest zu einem Fest? „Gutes Essen!“
Das war die erste Antwort, die ich mal auf diese Frage bekam. Musik wurde dann noch genannt und gut angezogen sein. Relativ spät entdeckten wir: Ein Fest braucht auch einen Anlass, einen Grund zum feiern. Und dann konnte ich konkret von Pfingsten erzählen, vom Geburtstag der Kirche, von der Predigt des Petrus und den 3000 Taufen an jenem Tage. Schnell verstanden wir uns dann auch darin, dass es einen guten Geist braucht, damit ein Fest gelingt und was es heißt, Feuer und Flamme, begeistert zu sein…
Eingangs sangen wir Benjamin Schmolcks Lied Schmückt das Fest mit Maien – ein Lied aus dem Jahre 1715 – also dem Jahr, als diese Kirche sich kurz vor dem Umbau befand (2020: 300jähriges Jubiläum).
Natürlich: Auch schmuckvolle Ausgestaltung gehört zu einem Fest. Blumen gehören auf den Tisch wenn Besuch kommt – und nicht nur dann.

„Schmückt das Fest mit Maien“ – diese Zeile aus Psalm 118 geht mir nicht mehr aus dem Sinn. Das Pfingstlied des schlesischen Pfarrers Benjamin Schmolck aus Schweidnitz verwendet diese Worte und gibt gleich in der ersten Strophe auch die Begründung dafür, warum wir schmücken und Blumen streuen sollen: denn der Geist der Gnaden hat sich eingeladen, machet ihm die Bahn! EG 135
Gottes Geist ist der Gast, der sich damals in Jerusalem erleben ließ – in einer sagenhaften Weise des Verstehens und der Verständigung, gerade so, als sollte die Katastrophe vom Turmbau zu Babel wieder aufgehoben werden: Alle verstanden, was die Jünger predigten und von dem Christus erzählten.
Gottes Geist ist der Gast, der seit dem durch die Jahrhunderte hindurch sich immer neu eingeladen, eingefunden und eingemischt hat. Sein Wirken ist vielfältig und unverzichtbar wertvoll: Tröster der Betrübten, Siegel der Geliebten, Geist voll Rat und Tat, starker Gottesfinger, Friedensüberbringer, Licht auf unserm Pfad.

Die Wirklichkeit und Wirksamkeit dieses Geistes gilt es an Pfingsten zu feiern. Darum „Schmückt das Fest mit Maien!“
Die meisten Kirchen sind heute mit Birkengrün geschmückt. Seit alters bezeichnet man die Birke als „Maienbaum“ – sie ist der erste Baum, der aus der Winterstarre erwacht und gilt daher als Symbol für Leben und Kraft. Noch heute werden auch zum 1. Mai Birken aufgestellt, wirkt der Zauber des frischen Grüns nach grauen Wintertagen.
„Schmückt das Fest mit Maien“
Dass seit alters her auch am Altar Maiengrün zu finden ist, hat seinen Grund in Psalm 118, in dem es heißt: „Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!“ Psalm 118,27
Das ist eine ziemlich eindeutige Anweisung an den Kirchner, die Birke in die Nähe des Altars zu stellen. Was meint das aber: bis an die Hörner des Altars?
Beim Nachlesen machte ich die schöne Entdeckung, das Psalm 118 der Lieblingspsalm von Martin Luther war. Als er 1530 auf der Feste Coburg in Reichsacht saß, kommentierte er diesen Psalm, der auch zu verschiedenen jüdischen Festen gelesen wird. Er nannte den Psalm „Das schöne Confitemini“, das schöne Bekenntnis, und berichtet davon, wie gerade dieser Psalm ihm zur Zuflucht geworden sei: „Denn er hat sich auch gar oft redlich um mich verdient gemacht und mir aus manchen großen Nöten geholfen, wo mir sonst kein Kaiser und keine Könige, Weisen, Klugen oder Heiligen hätten helfen können.“ Quelle: A. Weiser, Kommentar zu den Psalmen, S. 480

Und in der Tat lässt dieser Psalm einen beim Lesen nicht unberührt und manches ist uns vertraut: Das Tischgebet „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich und seine Güte währet ewiglich.“ Oder die Abendmahlsliturgie: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN.“ Zu Ostern hören wir aus diesem Psalm die Worte vom „Stein, den die Bauleute verworfen haben“, dass er zum Eckstein geworden ist.
Und nun zu Pfingsten wird uns zugerufen: „Schmückt das Fest mit Maien.“ „Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!“
So vertraut das klingen mag – was ist damit gemeint? Vorstellen müssen wir uns einen steinernen Altar im Vorhof des Tempels, der an seinen vier Ecken eine Erhöhung hatte, wie kleine Türmchen, auf denen einst figürliche Gottheiten gestanden haben. Auf diesem Altar wurde täglich geopfert – um zu danken oder Schuld zu sühnen und den großen Gott gnädig zu stimmen. Manchmal wurden die Hörner des Altars mit dem Blut der Opfertiere bestrichen – ein längst vergangener kultischer Brauch, der für Christen zumal mit dem Opfer Jesu nicht mehr nötig ist. Die Hörner des Altars zu berühren konnte einem verfolgten Menschen das Leben retten – hier hatte er Asyl – so wie es heute noch Kirchenasyl gibt, vor dem auch die Staatsgewalt Respekt hat.

„Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!“
Zum besseren Verständnis hilft der Blick in andere Bibelübersetzungen: „Mit Zweigen in den Händen schließt euch zusammen zum Reigen bis zu den Hörnern des Altars!“ Einheitsübersetzung.
Tanzt einen festlichen Reigen, mit Zweigen in der Hand, bis dicht an die Hörner des Altars!“ Neue Genfer Übersetzung
Das heißt: Wir müssten jetzt Birkenzweige austeilen und tänzerisch im Reigen um den Altar ziehen.
Die Frage drängt sich auf: Was bedeutet uns der Altar? Und was hat das alles mit Pfingsten und dem Geist Gottes zu tun? In afrikanischen Kirchen würde man weniger Probleme mit der Aufforderung zum Tanz haben: In jedem Gottesdienst wird geklatscht, sich bewegt, getanzt – natürlich auch im Altarraum, auch um den Altar herum. Denn das ist doch das Zentrum, hier wird das Opfer Jesu erinnert, Abendmahl gefeiert; auf dem geschmückten Altar ruhen die Blicke beim Gebet, hier steht das Kreuz, leuchten die Kerzen, wird das Dank-Opfer abgelegt. Ein heiliger Ort?
Für die Menschen damals, als der Psalm entstand, keine Frage!
Und so kommen wir der Sache näher: Die Zweige in der Hand im Reigen um den Altar – das hatte die Chance, den heiligen Altar wenigstens kurz mit den Zweigen zu berühren. „Tanzt einen festlichen Reigen, mit Zweigen in der Hand, bis dicht an die Hörner des Altars!“
Es geht um Kraftströme, es geht um Gottesnähe, um Glück-Wünsche für gelingendes Leben. Man sollte solches Verlangen nicht belächeln! >>>

Vor der Residenz des Münchner Stadtschlosses stehen zwei Löwenköpfe – glänzend blank durch ungezählte Berührungen von Menschen, die sich davon Glück versprechen. In Breslau ist es des die Zunge eines Bären, woanders ein schwarzer Stein… Die bronzenen Brustspitzen des Taufengels in Lorenzkirch sind auch auffällig blank (eher vielleicht von Männerhänden?) Vielleicht kennen Sie ähnliche „Berührungspunkte“.
Menschen glauben daran, dass da und dort heilsame Ströme fließen, gute Kräfte sich übertragen können.
Ist der Altar, der geweihte Raum der Kirche uns ein Kraftquell fürs Leben?
Für viele wird Altar und Altarraum nur historisch interessant sein.  
Für andere aber ist er ein Ort, der schon so oft wie eine Kraftquelle war, an dem Nähe Gottes, erspürt wurde, Ströme flossen und der Geist der Gnaden in das eigene Leben kam: Beim Abendmahl, bei der Trauung oder Konfirmation.

Pfingsten ist ein Fest, in dem es um Energiefluss und Verbindung geht, letztlich auch um Kommunikation und Verstehen.
Im Mai 1952 wurden auf Anordnung der Partei die Telefonleitungen zwischen West-Berlin und der DDR gekappt. Was für ein Geist, der dahinter stand und Ströme, Verbindungen, Kommunikation verhinderte!
Am 9. Juni des Jahres 19 vor Christus wurde das Aquädukt „Aqua Virgo“ in Rom in Betrieb genommen – noch heute funktioniert diese Wasserversorgung und speist auch den berühmten Trevi-Brunnen. … Lasse Ströme fließen! – Ein schönes Bild für Pfingsten! Ströme fließen, Verbindungen werden geschaffen, damit Leben lebendig bleiben kann.
Das, liebe Gemeinde, ist der wirkliche Grund, Pfingsten als Fest zu feiern: der Geist Gottes will helfen, dass Menschen sich verstehen, gestärkt werden und die Gemeinschaft der Gläubigen wächst.
Und weil dieser Geist auch heute noch wirksam ist, darum können wir einstimmen in den Lobgesang der Psalmbeter:

Dies ist der Tag, den der HERR macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. Der HERR ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Danket dem HERRN; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Amen.


Der Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herren. Amen.