Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

23. Sonntag n. Tr., 4.11.2018 - Von Regimentern - Römer 13,1-7  
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

Liebe Gemeinde,
eigentlich müsste es heute, aus Anlass des Kantoren-Wechsels, um Musik gehen. Geht es nicht. Wenigstens aber mit einer kleinen musikalischen Lesefrucht möchte ich beginnen: „Marschmusiker haben lautere Musik, Kirchenmusiker lautere Absichten.Dr. M. Richter, Quelle: Internet.

Aber da bin ich auch schon bei Paulus und seinen Gedanken im 13. Kapitel des Römerbriefes. Er spricht auch von Menschen mit lauteren Absichten bzw. Menschen, die Gutes tun. Die, so sagt er, müssen sich nicht fürchten - vor keiner Obrigkeit.
Nicht unproblematisch sind die Gedanken zur Obrigkeit, die wir heute hören – weil sie auch missbraucht worden sind:
Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.
Das klingt alles sehr gewaltig und unwillkürlich sehe ich das Bild vor mir, das bei Opa hing: Fürst Otto von Bismarck mit geschwollener Brust und seinen bekannten Worten: "Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.“ Immerhin: Der Fürst erkennt, dass über ihm noch einer steht. Sein Zitat geht weiter: "und die Gottesfurcht ist es schon, die uns den Frieden lieben und pflegen lässt."

Lieber Paulus, denke ich, wo führst du uns heute hin?
Ich versuche mich zu erinnern. Ja klar, das war für die Christen in Rom gar nicht so klar, gar nicht so einfach. Denn Jesus, der Christus, ER war für sie der Herr aller Herren! Aber da war auch der Kaiser – und der wollte angebetet werden, befahl die Teilnahme an kultischen Feiern zu seinen Ehren. Und da war die frühe christliche Erwartung der Wiederkunft Jesu. Und fragt sich schon mancher: Muss man denn kurz vor Ende noch Steuern zahlen und Gesetze befolgen? – Wenn eh alles zu spät ist? Stop, sagt Paulus: Wir leben hier in dieser Welt und in konkreten gesellschaftlichen Ordnungen. Und es ist gut, dass es Regierungen gibt, die Chaos verhindern, Zusammenleben gestalten, Gerechtigkeit anstreben.
Paulus geht sogar soweit, dass er Regierungen als von Gott eingesetzt bezeichnet. „Von Gottes Gnaden“ – so fühlten sich dann auch die Könige und Kaiser später. Wie ungnädig, ungerecht und unfriedlich Regierungen oft waren, wissen wir. Aber das ist noch kein Argument dagegen, dass Leben geordnet sein muss und Menschen Regierungen brauchen.

Zum Reformationstag am Mittwoch sprach Pfarrer Odrich über die neu gewonnene evangelische Freiheit und über Ordnungen, etwa wie die neue Leseordnung, die ab
1. Advent in allen evangelischen Kirchen Deutschlands gilt. Ja, auch die Kirche hat Ordnungen, ob sie uns gefallen oder nicht. Und wer im Dienst dieser Kirche steht, hat ihre Ordnungen zu akzeptieren – z.B. einen schwarzen, keinen bunten Talar zu tragen. Das ist so.
Auch in einer Kommune gelten Regeln und gibt es Leute, die „das Schwert“ der Regierung tragen und etwa Knöllchen verteilen – selbst parkende kirchliche Mitarbeiter vor der Klosterkirche werden nicht verschont.
Doch das sind doch alles Peanuts, kleine Erdnüsse gegen Bewegungen, die grundsätzlich Ordnungen ablehnen. In die Tausende geht die Zahl der sogenannten Reichsbürger und Selbstverwalter in unserem Land. Sie leben gut im Sozialsystem, fahren mit Sicherheit auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln und holen Geld aus den Automaten – aber lehnen die Regierung und das ganze System ab.
Es notwendig, sich unterzuordnen sagt Paulus. Denn er weiß als weitgereister Weltbürger: Sonst stürzt alles ins Chaos. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.
Hat Paulus hier vielleicht Jesu Worte im Ohr, als seine Gegner den Mann aus Nazareth aufs Glatteis führen wollten mit der Frage nach der Steuer?
Die Antwort mit Blick auf eine Münze genial: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist! / Ehre, dem die Ehre gebührt. Hier öffnen sich mir die doch ziemlich engen Gedanken zu gesellschaftlicher Unterordnung: Es gibt immer auch noch die andere Seite der Medaille, die Ehre, die ich meinem Gott, Schöpfer und Herrn erweisen kann und soll. IHM gehört letztlich meine „Ergebenheit“.
Aber das heißt eben nicht, dass ich Steuern hinterziehen kann. Dem Kaiser, was des Kaisers ist… damit das Ganze, etwa so ein Gebilde wie Deutschland mit 80 Millionen Menschen, auch funktioniert.
Ob wir heute es noch so sagen würden, dass eine Regierung Gottes Dienerin ist, von Gott angeordnet? Vermutlich würden wir zurückhaltender reden als Paulus – und eher beten für die Regierung mit einer Verantwortung, die ich nicht tragen möchte!

Mit musikalischem Bezug habe ich angefangen, mit einem ebensolchen möchte ich schließen. Auch in der Kirchenmusik geht es nicht ohne Ordnung. Ganz abgesehen von den Noten mit ihren Vorzeichen, mit ihren Anordnungen von Forte bis Piano, von schnell bis getragen, Vorzeichen, die wie Verkehrsschilder am Straßenrand stehen: Da ist auch noch die Obrigkeit, „Herr Kantor“, der vorn den Takt angibt.

Standartsituation: Alle sehen in die Noten, der Kantor dirigiert und will Musik herausholen – umsonst. Der Chor singt sein eigenes Tempo und lässt den Kantor unbeachtet im musikalischen Regen stehen. Und dann der fast schon legendäre Satz: Hier vorn spielt die Musik! Schauen Sie zu mir! – Liebe Kantorei, ich darf das mit Schmunzeln erwähnen, da ich ja selbst mitsinge und die Kritik auch mich trifft. Aber vielleicht sind wir gar nicht so schlecht, jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass wir gut zusammen gespielt haben und schöne Musik entstand zur Ehre Gottes und Erbauung der Gemeinde.
Es soll gut klingen, Harmonie erleben lassen. Und das geht in der Musik nicht anders als im Betrieb oder im Land: Gute Ordnungen sind hilfreich, weil sie dem Frieden dienen.
Und ja: Wir können Gott auch danken für Regierungen, die besonnen sind und demokratisch, die Gerichte unangetastet lassen und Reportern ihre Freiheit. Nichts davon ist mehr selbstverständlich. Ich will in meinem kleinen Umfeld jedenfalls tun, was gut ist und menschlicher Gemeinschaft gut tut. Also leben mit lauteren Absichten.
Amen.

Der große und unfassbare Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herren. Amen.