Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

Pfingstsonntag 20.05.2018 -  „Fest des Verstehens"  - Apostelgeschichte 2,1-13  
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen.

Sprach- und Verständnis-Not seit Babels Zeiten
Liebe Pfingst-Gemeinde!
Da war was los – damals, zum Fest der Weizenernte in Jerusalem – 50 Tage nach dem Passafest – dem späteren Osterfest: Menschen aus über einem Dutzend Ländern waren gekommen: Parther und Meder und Elamiter und die wohnen in Mesopotamien und Judäa, Kappadozien, Pontus und der Provinz Asien, Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Einwanderer aus Rom, Juden und Judengenossen, Kreter und Araber.
Ich glaube kaum, dass sie sich untereinander richtig verständigen konnten, wenn, dann in griechischer Sprache, dem „damaligen Englisch“. Ich stelle mir ein turbulentes Sprachengewirr vor, Missverständnisse, Ärger, lautes Rufen und Gruppenbildung der jeweiligen Landsleute.
Beim letzten Konvent berichtete uns Pfarrer Stein davon, dass im Krankenhaus Riesa Mitarbeitende aus 21 verschiedenen Ländern beschäftigt sind – sicher nicht immer einfach für Belegschaft und Patienten. Fremde Sprachen hören wir auf dem Puschkinplatz, beim Döner, in der Elbgalerie von Einwanderern, Flüchtlingen, Asylbewerbern. Von München hörte ich, dass dort inzwischen Menschen aus 190 Ländern leben. – Da soll noch einer durchsehen! „Nix verstehen“ dürfte an der Tagesordnung sein. – Wie damals beim Turmbau zu Babel.
Dem Größenwahn der Menschen und ihrem Machtstreben setzte der Herr im Himmel nach der Überlieferung ein ironisches Ende: Er verwirrte ihre Sprachen, so dass keiner keinen mehr verstand und das Projekt Turmbau zum Erliegen kam. Was blieb, war eine Bauruine, die Archäologen später ausgraben konnten – und unsere Rede davon, dass Babys „babeln“.
Lassen Sie uns ein Experiment machen und ein wenig nacherleben, wie es den Menschen in Babel damals ging: Jeder/jede schlägt jetzt das Gesangbuch irgendwo auf – und alle lesen auf mein Zeichen eine beliebige Strophe laut vor: … XXX - - -   babeln… keiner versteht keinen.

Verständnis-Not im Alltag trotz gleicher Sprache
Aber kennen wir das nicht auch aus dem Alltag: Eltern verstehen ihre Kinder nicht und Kinder wollen nichts von den Eltern hören; Arbeitskollegen reden übereinander, statt miteinander; Politiker finden über Jahre keine gemeinsame Meinung zu einer wichtigen Sache und reden aneinander vorbei; Ehepartner teilen nur noch Bett und Tisch, nicht aber mehr Gedanken, Erlebnisse und Gefühle. Eiszeit des Verstehens, gestörte Kommunikation haben wir alle schon erlebt und wissen, wie belastend das sein kann – auch und obwohl man eine Sprache spricht! Verständnis-Not im Alltag. Auch in einer Gemeinde kann es so etwas geben, unter Mitarbeitern oder Gemeindegliedern.
Babel ist auch heute noch – zum Teil krass zu erleben in den Fernseh-Talkshows, in denen zuweilen querbeet und parallel und geifernd gestritten wird: Welche Partei hat denn nun Recht? Verständnisnot im Alltag.

Pfingsten: Noch einmal von vorn
Wer sich mit Computern auskennt, weiß um eine sogenannte Reset-Taste: Mit ihr kann man den Computer noch einmal neu starten, wenn er sich festgefahren hat. Auch Handys kann man auf die ursprüngliche und „unverwürschte“ Werkseinstellung zurückstellen. Etwas davon geschah damals zu Pfingsten. Die Turmbaugeschichte erfuhr zu Pfingsten ihren Neustart: Menschen verstanden wieder – auf wunderbare und historisch nicht erklärbare Weise. Und sie hörten nicht nur irgendwas, sondern die Frohe Botschaft des gekreuzigten und auferstandenen Christus – am Ende des Tages gab es eine Massentaufe mit etwa 3000 Menschen. Pfingsten wurde zur Geburtsgeschichte der Kirche – und gleichzeitig zur Gegengeschichte von Babel.
Das Erlebnis mit Brausen und Feuerflammen und unerklärlichem Verstehen in der Muttersprache machte aber auch unsicher – einige wollten ganz schlau sein und alles mit dem Hinweis auf den Wein abtun, den die Männer getrunken haben könnten. Das war‘s nicht. Der Geist Gottes ergriff die Menschen und öffnete sie für die Botschaft. – Wenn wir zuweilen klagen über ausbleibende missionarische Erfolge: Die Geschichte von Pfingsten lehrt uns, dass nicht wir es sind, die den Geist wehen lassen, die Herzen öffnen und Verstehen schenken können.

Geist Gottes lässt seine Kinder auch ohne Worte verstehen
Aber es ist immer wieder schön, wenn man den guten, den heiligen Geist Gottes spüren kann – auch in der Begegnung mit Schwestern und Brüdern im Glauben.
So ist es für meine Frau und mich spannend, fast täglich Pilger im Pfarrhof Strehla begrüßen zu können. Jeden Tag ein anderer Dialekt! Herrlich! – Meist fragen wir nach dem Weg, den die Pilger gegangen sind. Oft hören wir dann von Begegnungen unterwegs und auch z.T. sehr lange und bewegende Lebensgeschichten.
Manche Pilger wollen dann auch die Kirche sehen. Und dort, in der Kirche, geben sie sich dann oft zu erkennen: Ja, bei uns in der Gemeinde… in meiner Heimatkirche… ich bin Kirchvorsteherin…
Und das ist dann immer ein sehr schöner Moment, in dem wir uns als Geschwister im Glauben erkennen. Da schwingt plötzlich mehr mit, ist der Pilger, die Pilgerin nicht mehr nur Schlafgast auf dem Weg der Selbstfindung. Dann nimmt das Gespräch noch einmal eine andere Qualität an.
Wenn sich völlig unbekannte Menschen aus aller Herren Länder mit so völlig unterschiedlicher Herkunft und Sprache als Schwester und Bruder im Glauben erkennen und fühlen, ist das für mich auch Wirken des Heiligen Geistes.
Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. Sacharja 4,6

Ein Missionar erzählt folgendes Erlebnis:
"Ich habe einmal, kniend im Steppensand, mit einigen Hereros in Südwest-Afrika das Mahl des Herrn gefeiert. Keiner verstand auch nur einen Laut von der Sprache des anderen. Aber als ich mit der Hand das Kreuzeszeichen machte und den Namen 'Jesus' aussprach, strahlten ihre dunklen Gesichter auf. Wir aßen dasselbe Brot und tranken aus demselben Kelch, und sie wussten nicht, was sie mir alles an Liebe erweisen sollten. Wir hatten uns nie gesehen. Soziale und geographische und kulturelle Grenzen standen zwischen uns. Und doch umschlossen uns Arme, die nicht von dieser Welt sind. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, und ich begann die Pfingstgeschichte zu begreifen. Ich verstand das Wunder der Kirche."
Quelle: W. Hoffsümmer, Kurzgeschichte 2/80

Verstehen – Pfingsten – das große Fest des Verstehens. Lasst es uns feiern und dankbar sein für den Geist, der es möglich macht. Amen.

Der große und unfassbare Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herren. Amen.