Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

Heiliger Abend, 24.12.2018 - "Stille Nacht mit stiller Macht"  
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

Liebe Heilig-Abend-Gemeinde!
Eben sangen wir „Stille Nacht, heilige Nacht“. Wie würden Sie Ihre Gefühle beschreiben, als dieses Lied angestimmt wurde? Sind da Erinnerungen an die Kindheit oder ein heiliger Schauer, eine Sehnsucht nach einer wirklich rettenden Stunde? Oder denken Sie an den Moment, wo Kind oder Enkel nach endloser Verzögerungstaktik endlich eingeschlafen ist? Schlaf in himmlischer Ruh – möglichst durch bis morgen früh um 8! – Stille Nacht, heilige Nacht!

Dieses Lied ist eines der bekanntesten Weihnachtslieder. In England singen sie von der Silent Night, zur russischen Weihnacht am 6. Januar erklingt das Тихая ночь, die schwedischen Gläubigen stimmen ein in Stilla natt, heliga natt, in der Ukraine ist Тиха ніч zu hören. Und wie schön muss es klingen, wenn die Spanier mit Noche de paz die Geschichte vom Kind erinnern…
Dieses Lied war das erste Mal vor 200 Jahren, Weihnacht 1818 zu hören! Die Geschichte des Liedes, das heute in 300 Sprachen und Dialekten gesungen wird und seit 2011 von der UNESCO als „immaterielles Kulturerbe“ aufgenommen wurde, ist schnell erzählt:
Bereits 1816 schrieb der Hilfspfarrer an der St. Nikolakirche in Oberndorf bei Salzburg, Joseph Mohr, das Gedicht von der Heiligen Nacht.

Im gleichen Jahr wurde Oberndorf an der Salzach zu Österreich geschlagen – soziale Spannungen bei den Salzflößern haben die Sehnsucht nach Heil und Frieden verstärkt. Auf Wunsch Mohrs komponierte der aus einer armen Leineweberfamilie stammende Dorfschullehrer und Organist Franz Xaver Gruber die Melodie. Vermutlich war das alte Positiv, also die Orgel nicht mehr spielbar, so dass der Pfarrer das Lied zur Gitarre begleitete und der Kantor dazu sang.

Nun haben wir hier eine ganz frisch rekonstruierte Orgel und zudem das Lied schon gesungen, aber vielleicht summen wir noch einmal die schöne Melodie wie damals zur Gitarre… ***

Ein Orgelbauer, so wird überliefert, hörte das Lied und nahm es mit. Bald bekamen es der österreichische Kaiser und der russische Zar Alexander I. zu hören. Sänger
brachten es auf den Straßen von Leipzig zu Gehör – und schon 1833
erschien es in Dresden erstmals gedruckt in der Sammlung „Tirolerlieder“.

Wer heute Salzburg besucht, sollte sich den Ausflug nach Oberndorf
gönnen. Die Stille-Nacht-Kapelle erinnert an den Ort der Erstaufführung
des Liedes; in der Dorfschule von Gruber wird die Geschichte erzählt, ist
sogar noch seine Gitarre zu sehen… Ob das nun alles übertrieben ist?
Das Lied hat was – und ist ein sehr emotionales, vielleicht ein wenig
romantisches, auf jeden Fall zu Herzen gehendes Zeugnis von der Liebe
zu Jesus. In ihm schlug die rettende Stund!

Stille Nacht, heilige Nacht, Silent night, holy night
war auch 1914 in Frankreich von rauen Soldatenstimmen zu hören: Deutsche Landser hatten kleine Weihnachtsbäume auf die Brustwehren gestellt –
und bewegten sich wenig später sogar auf die britischen Linien zu. Zögernd kamen ihnen die Engländer entgegen, man gab sich die Hände, rauchte gemeinsam, zeigte sich Fotos der Lieben zu Hause, spielte Fußball und sang Weihnachtslieder. Ein unglaubliches Stück Weihnachtsfrieden mitten im Krieg. Stille Nacht, heilige Nacht… Die „Stille Nacht“ entfaltete eine stille Macht, die eben noch auf einander schießende Feinde riefen ließ: „Wie not shoot!“ „Wir schießen nicht.“ Die stille Macht hatte für einen Moment in der Weltgeschichte Soldatenherzen verändert, Menschen zusammen gebracht. Ein kleiner Frieden im großen Krieg.

Das Lied „Stille Nacht“ ist ein Lied von der stillen Macht namens Jesus Christus. Wer dieser Christus war, davon erzählen die uns unbekannten Strophen des Liedes:

Stille Nacht! Heilige Nacht! / Die der Welt Heil gebracht /
aus des Himmels goldenen Höh’n / uns der Gnade Fülle lässt seh’n /
Jesum in Menschengestalt. / Jesum in Menschengestalt.


Stille Nacht, Heilige Nacht! / Wo sich heut alle Macht /
väterlicher Liebe ergoß / und als Bruder huldvoll umschloss /
Jesus die Völker der Welt / Jesus die Völker der Welt.


In dieser Macht väterlicher Liebe lebte auch eine Frau, die heute ihren Todestag hat und deren Name im Evangelischen Namenskalender steht:
Mathilda Vrede – genannt: Engel der Gefangenen. 1863 in Finnland geboren, erlebte sie als junge Frau eine Bekehrung und besuchte Gefängnisse, half Gefangenen und praktizierte Gefängnisseelsorge.
Als sie 23 Jahre wird, schenkt der Vater ihr ein Haus für entlassene Strafgefangene. Ein Beispiel für die Macht der Liebe, die im christlichen Glauben ihre Wurzeln hat.

Liebe Gemeinde, wir schreiben das Jahr 2018. Wo sind wir gefragt als Menschen des Glaubens an die stille Macht, an die Macht der Liebe, in der Jesus von Nazareth lebte und in der Menschen ihm durch die Jahrhunderte nachfolgten – wie Mathilda Vrede? Wo können wir sie leben, diese stille Macht?
Mit einem Lächeln an der Kasse?
Mit einem Wort der Versöhnung zum Nachbarn?
Mit einer Umarmung in zerstrittener Verwandtschaft?
Mit einem Schein für den, der keinen hat?
Mit einem Wort für den Stummen oder einem Schweigen im Chor derer, die Hass verbreiten?

Die vollen Kirchen heute und gestern die Menge vor der Frauenkirche sind ein Indiz dafür, dass wir nicht vergessen haben, was uns im Abendland verbindet: Der Stern von Bethlehem, das Kind in der Krippe, der Gott mit dem menschlichen Antlitz. Vermehrt hört man wieder die Rede vom christlichen Abendland, das wir nicht preisgeben dürfen. Sicher. Aber:
Wenn Abendland-Fürsprache, dann im bewussten Festhalten des Glaubens, den die Weisen aus dem Morgenland fanden – in ihrer Begegnung mit dem Kind.

Dass dieses Kind schon bald auf der Flucht war, ist ein anderes Kapitel. Die Erinnerung daran lässt uns hoffentlich besonnen sein in Aktionen und Diskussionen zum Thema Flüchtlinge und Migration. Halten wir sie fest, die Macht der Liebe, die begonnen hat in der Nacht der Stille im kleinen Dorf zu Bethlehem. Fröhlich darf unser Herz nun springen über das, was damals für uns geschehen ist.
Amen.

Der große und unfassbare Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herren. Amen.