Eine Predigt zum nach- oder vorlesen

Sonntag 1. Advent, 2.12.2018 - Hosianna - Matthäus 21,1-11  
von Pfr. J. Grasemann

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit Euch allen. Amen

Liebe Gemeinde,
an einem Vormittag mitten in der Woche: Ich fahre mit dem Fahrrad langsam die ansteigende Lindenstraße von Strehla hinauf. Sieht mich eine Frau aus der Gemeinde und grüßt offenbar überrascht: „Oh Herr Pfarrer, sportlich, sportlich!“ – Ich weiß: Meistens bin ich mit dem Auto unterwegs. Der Pfarrer auf dem Drahtesel überrascht etwas.
Manchmal kommt es eben anders als erwartet, muss selbst unsere Kanzlerin mit ihrem Regierungsflieger in Köln notlanden und mit einer einfachen Linienmaschine weiterfliegen. Das hat für Schlagzeilen gesorgt. Ich überlege, wie es wäre, wenn der Chef der Deutschen Bank nicht mit einem Porsche, sondern mit einem rostigen, 15 Jahre alten VW Polo zur Sitzung vorfahren würde, vielleicht sogar ohne Chauffeur?

Evangelium unseres Herrn Jesus Christus ist am 1. Advent die Geschichte von Jesu Einzug auf einem Esel in Jerusalem.
Diese Geschichte ist eine Hoffnungs- und Sehnsuchtsgeschichte. Jedes Jahr zum Passafest verdichtet sich im Jüdischen die Frage: Wann kommt der Messias? Wann wird alles neu, alles Elend ein Ende haben, Gott ganz bei seinem Volk wohnen? –
Das Volk, von dem wir hörten, hofft und glaubt, dass Jesus dieser Messias ist! Er reitet auf einem Esel, den die Jünger mehr oder weniger seriös besorgt haben. Der Esel stört das Volk aber gar nicht. Im Gegenteil: Als König David im Sterben lag und ein erbitterter Machtkampf um die Nachfolge entbrannte, lies der alte König seinen Sohn Salomo auf einem Esel, genauer gesagt: einem Maultier, zum Bach führen, dort salben und mit Posaunenklang in die Stadt führen.
Für das Volk vor der Stadt war es nun, nach allem, was sie auch an Wundertaten von Jesus gehört hatte, keine Frage: Dieser Jesus ist unser neuer König, der Messias! Schnell hieben sie mangels Fahnen Zweige von den Palmen, legten als Ersatz für einen roten Teppich Kleider auf den Weg. Fast wie bei einem Staatsempfang! Und sie skaniderten einen Ruf, den wir sogar noch heute im Abendmahl singen: Hosianna. Zu deutsch: Gott, hilf doch! – Da schwang allerdings weniger Triumphgefühl mit als vielmehr Hoffnung von Menschen, die Hilfe brauchten, am Ende waren.
Hosianna, Gott, hilf doch! Wann haben wir das letzte Mal Gott ernst genommen und um Hilfe gebeten? Setze ich meine Hoffnung noch auf diesen Jesus, der auf einem Esel in Jerusalem einzog?
Im Evangelium hörten wir: Als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der?
Die ganze Stadt regt sich auf. Im griechischen steht das Wort für „in Bewegung geraten“ (eseiste). Ein Gemüts-Seismograph hätte ordentlich ausgeschlagen! In anderen Bibelübersetzungen steht: Aufregung, Aufruhr, es erbebte die Stadt… Und das sicherlich nicht zuerst aus Begeisterung, sondern aus Ablehnung. Ein König auf einem Esel?!
Bitte Porsche statt Polo! Sonst zieht das nicht.
Aber Jesus zog das durch, lies sich feiern und zugleich verspotten – und wird geahnt haben, welches Schicksal ihm bevorsteht.
Nicht lange her ist es, dass die Sozialdemokraten Martin Schulz wie einen Messias feierten – und dann so schnell fallen ließen. In einer Woche wird feststehen, wer die Christdemokraten leiten wird. Viel Jubel wird es geben. Aber wie nachhaltig wird der sein? Politiker kommen und gehen.
Jesus ist geblieben. Der Glaube an Jesus ist vor allem in Ländern des Islam lebensgefährlich geworden – aber er wird nicht aufhören.
»Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel….«
Dieser König war und ist eine wirkliche Alternative. Sein ganzes irdisches Leben war eine Alternative. Für den Schweizer Pfarrer und Dichter Kurt Marti ist der sanftmütige Eselsreiter einer, „der inspirierte und einzigartige Sätze sagte, ein Jude, der aus der alttestamentlichen Tradition überraschende und universal gültige Schlüsse zog; ein Heiler körperlicher Leiden; ein freier Mensch, stolz gegenüber Mächtigen, liebevoll gegenüber Machtlosen und Verachteten, ein Mann, der männlich genug war, um das Weibliche in sich nicht verdrängen zu müssen, ein Emanzipator der Frauen; ein Hinführer, sogar Verführer zum Leben, deswegen hingerichtet, deswegen auferstanden“.
In: Predigt über Matthäus 21,1-11 von Pfarrerin Irene Engel, Bad Boll 2008
Das diesjährige Karnevalsmotto in Strehla lautet: Zeitreise. Ich stelle mir vor: Jesus würde beim Umzug mitziehen – auf einem Esel, oder auf einem Fahrrad-Drahtesel – und gütig, staunend, verwundert, liebevoll zu den Menschen am Rand blicken. Und ich stelle mir vor, wie er absteigt und auf einen traurigen Mann zu geht und sagt: Siehe, dein König kommt zu dir – und wie ein adventlicher Glanz in dessen Augen kommt. Spöttische Kommentare von anderen gehen im Lärm der Lautsprecher unter. Aber weiter hinten höre ich plötzlich, wie eine kleine Gruppe von Menschen Jesus zuwinkt und ruft: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe! Sind wir das? Feiern wir Advent in Hoffnung und im Vertrauen auf Jesus! Amen

Der große und unfassbare Friede Gottes bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herren. Amen.